Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Deutsch stammt aus der Türkei

Baku, den 23. Juni (AZERTAG). Mere, Mother und Mitera - das Wort für Mutter klingt in allen europäischen Sprachen ähnlich. Doch woher stammt es? Noch immer rätseln Forscher über den Ursprung der indoeuropäischen Sprachen, zu denen auch Deutsch und Englisch gehören. Eine Studie im Fachmagazin "Science" kommt nun zu dem Ergebnis, dass einige Wörter, die Menschen heute auch in Deutschland verwenden, ihren Ursprung in Anatolien haben.

Quentin Atkinson von der University of Auckland und seine Kollegen haben Wörter aus 103 ehemaligen und aktuellen indoeuropäischen Sprachen verglichen. Fast alle Idiome Europas zählen zur indogermanischen Sprachfamilie, auch einige Sprachen Südostasiens gehören dazu - wie etwa Singhalesisch, das auf Sri Lanka gesprochen wird. Mit drei Milliarden Muttersprachlern sind diese Sprachen die am häufigsten gesprochenen der Welt.

Um ihrem Ursprung auf die Schliche zu kommen, analysierten Atkinson und seine Kollegen einzelne Wörter aus verschiedenen Sprachen, die vom gleichen Ursprungswort abstammen. Diese sogenannten Kognaten zeichnen sich vor allem durch einen ähnlichen Klang aus. Ein Beispiel: Das deutsche Wort "fünf" ist aus dem urgermanischen Wort "fimf" entstanden. Von ihm stammen auch das schwedische Wort "fem" und das englische "five" ab.

Die Abstammung einzelner Wörter kombinierten die Forscher mit den Orten, an denen die zugehörigen Sprachen heute gesprochen werden. Daraus ergab sich ein Sprachenstammbaum, dessen Zentrum in Anatolien auf dem Gebiet der heutigen Türkei liegt. Von dort aus sollen sich die indoeuropäischen Sprachen vor 9500 bis 8000 Jahren nach Nordeuropa und Südostasien ausgebreitet haben.

Treibende Kraft war laut der Studie die Landwirtschaft. Archäologische Untersuchungen zeigten, dass sich Bauern in der Jungsteinzeit zunächst in Anatolien ansiedelten. "Unser Sprachstammbaum stimmt genau mit der Ausbreitung der Bauern über den Balkan bis nach Nordeuropa überein", schreiben die Forscher.

Doch das Ergebnis stößt nicht überall in der Fachwelt auf Zustimmung: David Anthony, Archäologe vom Hartwick College in Oneonta (US-Bundesstaat New York), kritisiert in einem Begleitartikel zur Studie, dass Atkinsons Team seine Untersuchung auf einzelne Wörter gestützt, Grammatik und Sprachstruktur aber außer Acht gelassen hätte. "Der Beitrag wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet", meint Anthony.

Im Vergleich zur Anatolien-Hypothese ist die sogenannte Steppen- oder Kurgan-Hypothese breit anerkannt. Sie besagt, dass die indoeuropäischen Sprachen erst vor 6000 Jahren nördlich des Kaspischen Meeres in der russischen Steppe entstanden sind.

Argumente für diese Hypothese liefert vor allem die Verbreitung der fünf wichtigsten Unterfamilien der indoeuropäischen Sprachen: Die keltischen, germanischen, italischen, balto-slawischen und indoiranischen Sprachen breiteten sich vor etwa 4000 bis 6000 Jahren aus - zur gleichen Zeit, als verschiedene Völker, darunter die Kurgan-Kultur, von Russland nach Zentraleuropa, Zentralasien und Indien wanderten. Das lege die Vermutung nahe, dass sie die europäische Ursprache verbreiteten.

Der Streit um den Ursprungsort der indoeuropäischen Sprachen hat Tradition: 1987 stellte Colin Renfrew, der Gründer der Anatolien-Hypothese, in Frage, ob das Kurgan-Volk in der Lage gewesen war, ganze Kontinente einzunehmen - zu einer Zeit, als nicht einmal Städte existierten. "Die neue Studie bringt die Befürworter der Steppen-Hypothese in Erklärungsnot", sagt Paul Heggerty vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

Die Suche nach der Wiege der indoeuropäischen Sprachen geht also weiter. Atkinson und seine Kollegen vermuten, dass sowohl die Bauern als auch wandernde Völker die Sprachen nach ihrer Entstehung in Anatolien verbreitet haben. "Es ist nicht einfach, die menschliche Vorgeschichte zu untersuchen", sagt Atkinson. "Es ist ein bisschen so, als würde man eine Kerze über einen Abgrund halten. Man muss jeden Hinweis nutzen, den man kriegen kann."

 

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