Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Weizengläser verleiten zum Schnelltrinken

Weizengläser verleiten zum Schnelltrinken

Baku, 10. Juni, AZERTAC

Verkauft eine Bar ihren Wein in großen Gläsern, trinken die Besucher mehr - und das Lokal steigert seinen Umsatz. Nicht die einzige Möglichkeit, das Ess- und Trinkverhalten auszutricksen.

Wollen Barbesitzer ihre Gäste dazu bringen, mehr zu bestellen, sollten sie die Größe ihrer Gläser überdenken.

Dafür spricht zumindest ein Versuch, den Wissenschaftler der University of Cambridge in einem britischen Restaurant mit Barbereich durchgeführt haben. Demnach trinken Besucher mehr aus großen Weingläsern als aus Standardgläsern - wahrscheinlich, weil ihnen die Weinmenge darin geringer erscheint.

Um den Effekt zu untersuchen, tauschten die Forscher in einem Lokal in Cambridge von Mitte März bis Anfang Juni 2015 alle zwei Wochen die Weingläser aus. Los ging es mit Standardgläsern, dann folgten große Gläser, dann wieder die Standardgläser, anschließend kleine Gläser. Und dann begann alles wieder von vorne.

Abgesehen davon veränderten die Forscher nichts, um die Ergebnisse nicht zu verfälschen. Das Weinsortiment, die eingeschenkte Menge, die Preise und sogar die Form der Weingläser blieben gleich. Trotzdem konnten die Wissenschaftler beobachten, wie das Trinkverhalten der Gäste in den Zwei-Wochen-Rhythmen schwankte.

Große Weingläser animieren zum Trinken - Rechneten die Forscher den Einfluss unterschiedlicher Besucherzahlen heraus, konnten sie zwar keinen Konsumunterschied zwischen den kleinen und mittleren Gläsern feststellen. In der Zeit mit den großen Gläsern aber verkaufte das Lokal im Schnitt 9,4 Prozent mehr Wein.

Besonders ausgeprägt sei der Effekt im Barbereich gewesen, berichten die Forscher im Fachblatt "BMC Public Health". Dort stiegen die Verkäufe um 14,2 Prozent; im Restaurantbereich hingegen nur um 8,2 Prozent, was statistisch gesehen auch Zufall hätte sein können. Ein möglicher Grund: In der Bar kauften die Gäste fast nur Wein in Gläsern. Im Restaurantbereich hingegen wurden überwiegend Flaschen und Karaffen bestellt, aus denen sich die Besucher selbst einschenken konnten. Möglicherweise erleichterte ihnen dieser zusätzlich Maßstab, die getrunkene Menge einzuschätzen - im Gegensatz zu den direkt im Glas servierten Portionen.

Mit ihrem Ansatz, das Konsumverhalten direkt in einem Lokal und mit unwissenden Gästen zu untersuchen, ist die aktuelle Studie die erste ihrer Art. Dass sich die Glasform auf das Trinkverhalten auswirken kann, hatten zuvor schon Experimente unter künstlichen Bedingungen ergeben. Bei einer Studie aus dem Jahr 2012 etwa ließen Forscher 160 Menschen gezielt Bier aus Weizengläsern oder Bierkrügen trinken.

Dabei zeigte sich, dass die Teilnehmer mit den Weizengläsern ihre Getränke im Schnitt 60 Prozent schneller leerten als die Bierkrugtrinker. Wahrscheinlich konnten die Weizenglastrinker durch die geschwungene Form der Gläser schwerer einschätzen, wie viel sie bereits getrunken hatten, erklärten sich die Forscher den Effekt. Dadurch unterschätzten sie die Menge und tranken schneller.

Größere Portion, große Bissen - Auch das Essverhalten des Menschen lässt sich durch äußere Umstände lenken. Ein Beispiel dafür ist der sogenannte Dessert-Effekt. Demnach können Menschen umso mehr essen, je mehr unterschiedliche Speisen ihnen präsentiert werden.

In einem Versuch servierten Forscher schon im Jahr 1980 Männern nach einer Mahlzeit unangekündigt einen zweiten Gang. Glich dieser dem ersten, aßen sie deutlich weniger als bei einer anderen Speise.

Wer sich selbst austricksen und etwas abnehmen möchte, sollte zudem seine Mahlzeit auf einem kleinen Teller und seine Cola in einem schmalen hohen, statt einem kurzen breiten Glas servieren. Verzicht muss das nicht bedeuten. Kleine Portionen führen automatisch dazu, dass wir mehr genießen: Wer weniger vor sich hat, nimmt kleinere Schlucke und kleinere Bissen, schreiben die Forscher im Einstieg der aktuellen Studie.

Mit ihrer Bar-Untersuchung verfolgen die Wissenschaftler aus Cambridge einen ernsten Hintergrund: Alkohol belege Platz fünf auf der Liste der Dinge, die weltweit die meisten gesundheitlichen Leiden verursachten, schreiben sie. Möglicherweise, so die Hoffnung, ließe sich die Trinkmenge in Bars mit kleineren Weingläsern senken, ohne dass es den Menschen bewusst wäre.

Selbst um sein Rauschgefühl müsste niemand fürchten, wie unter anderem eine Studie aus dem Jahr 2003 zeigt. Bei dem Experiment in Neuseeland spendierten Forscher 150 Studenten reines Tonic Water - die Hälfte ließ sie allerdings im Glauben, eine Mischung aus Wodka und Tonic zu trinken. Tatsächlich verhielten sich die nüchternen Studenten bald, als wären sie angeheitert. Die Männer begannen, mit den Forscherinnen zu flirten, die Frauen kicherten übertrieben. Der Grund ist derselbe wie bei den meisten Essenstricks: ein reiner Placeboeffekt.

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