Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Brasiliens Fußballhelden und die Proteste

Baku, den 22. Juni (AZERTAG). Brasiliens Fußballhelden leiden mit bei den Demonstrationen in ihrer Heimat, einige mischen sich sogar ein. Viele kennen die Alltagsnöte des Volkes, sie entstammen oft selbst einfachen Verhältnissen. Doch ausgerechnet Überidol Pelé macht sich unbeliebt.

Mit Brasiliens Mächtigen hat sich Pelé schon immer gut arrangiert. Die Militärdiktatur verteidigte der Weltfußballer der 20. Jahrhunderts einst mit dem Satz „Das Volk kann nicht wählen“. Später konvertierte er zum lupenreinen Demokraten, diente der Mitte-Rechts-Regierung unter Präsident Fernando Henrique Cardoso ein paar Jahre lang als Sportminister - und outete sich schließlich nach der Amtsübernahme durch den Mitte-Links-Führer Lula da Silva als Fan des neuen Staatschefs. Die Brasilianer haben ihrem Helden alles verziehen. Nun aber, da die größten Demonstrationen seit Jahrzehnten durch das Land ziehen, prangern sie Pelé an für seine Nähe zur Politik. Wegen eines Videos.

„Vergessen wir dieses ganze Chaos, das in Brasilien geschieht, und denken wir daran, dass das brasilianische Team unser Land, unser Blut ist“, verkündete Pelé am Mittwoch in einer Videobotschaft für den Fernsehsender Globo. Das Volk solle nun aufhören mit den Protesten und sich darauf konzentrieren, die Mannschaft zu unterstützen: „Ich bitte die Brasilianer, nicht die Themen durcheinanderzubringen. Wir beginnen gerade, uns auf die Weltmeisterschaft vorzubereiten.“

Seit der Ausstrahlung dieses Videos ergeht ein Shitstorm über Pelé. Zehntausende, Hunderttausende machen ihrem Ärger über das Idol auf Facebook und Twitter Luft, nennen ihn einen „Verräter“ und „Vertreter des Großkapitals“. Bei der großen Demonstration in Rio de Janeiro gestern Abend schwenkten Protestler Transparente gegen ihn. In Belo Horizonte skandierten sie „Pelé, verpiss dich“.

Auch andere prominente Kicker nehmen den einstigen Volkshelden nun ins Visier. „Pele, halt den Mund“, verkündete Romario, Star der Weltmeistermannschaft von 1994 und mittlerweile selbst Politiker der Sozialistischen Partei Brasiliens, die Präsidentin Dilma Rousseff mit ins Amt wählte. Jetzt aber prangert er die Regierung an - ebenso wie fast alle anderen prominenten Fußballer, die sich zu den Massenkundgebungen äußern.

Rivaldo etwa, Weltmeister 2002, spricht von „einer Schande, dass die WM in Brasilien stattfindet, mit solchen Ungleichheiten, mit Menschen, die Hunger leiden“. Neymar, der Star der heutigen Mannschaft schreibt via Instagram, er sei „traurig“ über die Zustände im Land. „Ich habe immer geglaubt, dass es nicht nötig wäre, auf die Straße zu gehen, um ein besseres Gesundheits- und Bildungswesen zu bekommen. Ich will ein gerechteres, sichereres, ehrlicheres Brasilien.“ Auch seine Teamkollegen Alves, Hulk und David Luiz bekunden Solidarität mit den Demonstranten. Und der einstige Mittelfeldstar Juninho schlägt sogar vor, die Fans sollten beim Abspielen der Nationalhymne im Stadion dem Feld den Rücken zuwenden. Brasiliens Fußballhelden kennen die Alltagsnöte des Volkes; sie entstammen ja meist selbst einfachen Verhältnissen. Wie auch Pelé.

Der berühmteste aller Brasilianer übt sich nun in Schadensbegrenzung. „Versteht mich nicht falsch“, schreibt er in einer Erklärung auf seiner Facebook-Seite. Er habe nur das Volk gebeten, die Nationalmannschaft zu unterstützen und nicht den Frust an ihr auszulassen. „Ich bin 100 Prozent für diese Bewegung für Gerechtigkeit in Brasilien!“ Seine Fans werden ihm die Kehrtwende wohl wieder abnehmen: Allein auf Facebook hat Pelé 1,7 Millionen Freunde. Trotz allem.

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