Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Bewohner der bronzezeitlichen Feuchtbodensiedlungen im nördlichen Alpenraum

Baku, den 19. Juni (AZERTAG). Wer nahe am Wasser baut, muss stets mit dem Schlimmsten rechnen. Kommt eine Flut, werden die Häuser weggeschwemmt, die Felder stehen unter Wasser: Heim und Nahrung gehen unweigerlich verloren. Trotzdem zieht es die Menschen immer wieder an den Rand von Gewässern. Kaum fällt der Pegel, kehren sie zurück, reparieren die Häuser und bringen im kommenden Frühjahr wieder die Saat auf die Felder.

Die Bewohner der bronzezeitlichen Feuchtbodensiedlungen im nördlichen Alpenraum haben gegen das Wasser eine Reihe von Schutzmaßnahmen ersonnen. So errichteten sie zum Beispiel Palisaden aus Holz - eine Art Flutmauern, die das Wasser aus dem Dorf fernhalten sollten. Oder sie bockten ihre Häuser auf Pfähle, sodass die Feuchtigkeit nicht in die Wohnräume eindringen konnte.

Doch nicht alles, was sie sich als Schutzmaßnahmen ausdachten, war so rational wie Dämme und Stelzen. Eine Schweizer Forschergruppe um Francesco Menotti von der Universität Basel hat in den alten Grabungsberichten von mehreren Siedlungen Hinweise auf ein Ritual gefunden, das die Bewohner scheinbar nur dann abhielten, wenn das Wasser kam: Stiegen die Fluten, legten die Bewohner der Feuchtbodensiedlungen offenbar Kinderschädel vor die Palisaden. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Antiquity“ beschreiben die Archäologen, was sie in den Berichten über die Siedlung Forschner, die Wasserburg Buchau und die Siedlung Ürschhausen-Horn entdeckten.

Knochen zur Wasserbesänftigung - In der Siedlung Forschner und in Ürschhausen-Horn war es jeweils nur ein Kind - zumindest wurde bei den Ausgrabungen nur eines gefunden, möglichweise sind den Archäologen bei ihren Arbeiten weitere entgangen. Allein vom Kind aus Ürschhausen-Horn ist mehr bekannt als nur der Schädel. Neben dem Unterkiefer lagen zwei Oberschenkel- und zwei Unterschenkelknochen, zwei Oberarmknochen und einige weitere Knochenfragmente. Doch die lagen nicht in ihrer natürlichen Ordnung: Jemand hatte sie, lange nach dem Tod des etwa sechs oder sieben Jahre alten Kindes, aus dem ursprünglichen Grab geholt und vor der Schutzmauer der Siedlung neu begraben. Und zwar in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts vor Christus - als die Wassermassen des Nussbaumsees bedrohlich stiegen. Letztendlich sollte das Wasser siegen. Spätestens um 800 vor Christus war die Siedlung ganz verlassen. Doch die Menschen lernten nicht - im siebten Jahrhundert kamen sie zurück an das Seeufer und machten weiter, als sei nie etwas geschehen.

In der Siedlung Forschner im südlichen Fedenseeried fanden die Archäologen ein anderes Bild vor. Auch hier war es nur ein Kind, das vermutlich das Wasser besänftigen sollte. Doch sein Schädel war in vier Teile zerlegt, die alle vor die Palisade des Dorfes gelegt wurden. Wieder war das Ritual vergeblich: Der Pegel des Sees stieg weiter an, vermutlich im Jahr 1481 vor Christus mussten die Bewohner endgültig aufgeben und ihre Behausungen verlassen.

Am interessantesten sind die Befunde aus der Wasserburg Buchau, die in unmittelbarer Nähe der Siedlung Forschner liegt. Hier waren es gleich fünf Kinder, deren Schädel verstreut am Rand der Siedlungsbegrenzung lagen. Als sie starben, waren sie zwischen zwei und sechzehn Jahre alt - wobei das sechzehnjährige Kind wahrscheinlich schon als Erwachsener galt. Von den meisten Schädeln war nicht genug erhalten, um das Geschlecht bestimmen zu können. Nur zwei waren noch in besserem Zustand. Über diese beiden versuchten die Forscher, so viel wie möglich zu erfahren.

Was die Knochen erzählen - Glücklicherweise waren die Schädel bereits nach der Entdeckung von anderen Archäologen eingehend untersucht worden. Beide Kinder fanden, als sie etwa acht Jahre alt waren, einen grausamen Tod. Das eine, ein Junge, starb durch den Schlag einer Keule auf den Kopf. Dem anderen Kind, einem Mädchen, wurde mit einem scharfkantigen Gegenstand der Schädel zertrümmert - die Wunde in der Schädeldecke passt zu einer Axt, wie sie in der späten Bronzezeit als Werkzeug weitverbreitet war. Verwandt waren die beiden nicht - das ergab eine DNA-Analyse. Aber sie wuchsen unter ganz ähnlichen Bedingungen auf. Fleisch gab es nur selten zu essen. Durch den Rauch der Kochfeuer in den Häusern litten sie unter chronischen Atemwegserkrankungen. Die magere und wenig abwechslungsreiche Kost hat bei beiden zu Blutarmut geführt. Und ihre Zähne waren, trotz des noch sehr jungen Alters, schon im fortgeschrittenen Stadium verrottet. Eine Isotopenanalyse bestätigte außerdem, dass beide am Federsee geboren waren und dessen Ufer auch niemals für längere Zeit verlassen hatten.

Auch hier halfen alle Maßnahmen nichts, am Ende verloren die Siedler gegen das Wasser und mussten gehen. Das Ausmaß der Tragödie können wir nur erahnen. Wie schlimm muss es gewesen sein? „Als sie einsehen mussten, dass alle pragmatischen Maßnahmen ineffektiv gegen die Bedrohung der Natur blieben, wandten sich die Seebewohner verzweifelteren Versuchen zu, die Götter um Hilfe anzuflehen“, schließen die Forscher ihren Bericht, „und boten ihnen das Wertvollste an, was sie hatten: ausgesuchte Überreste, vornehmlich Schädel, ihrer Kinder.“

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