Gähnen, dösen, abstimmen – Die Volkskongress-Farce
Baku, den 10. März (AZERTAG). Einmal im Jahr wartet auf Chinas Politiker ein zehntägiger Marathon. Die Monologe der Führer sind quälend langweilig. Die Delegierten schlafen - und lassen alles passieren.
Das Geräusch schwillt an, bis es sich wie eine knisternd rauschende Welle anhört. Das akustische Vibrieren dauert kaum eine Sekunde und wiederholt sich alle drei bis vier Minuten. Das Rauschen entsteht, wenn 5000 Menschen im Riesensaal der Pekinger Großen Halle des Volkes gleichzeitig eine Seite umblättern.
Bei den Vollversammlungen des chinesischen Parlaments lesen 3000 Abgeordnete des Volkskongress und 2000 Delegierte der Konsultativkonferenz, wie Chinas Beraterparlament heißt, mit, was ihnen der vortragende Premierminister mit monotoner Stimme vorliest.
Knapp zwei Stunden braucht Premier Wen Jiabao für die 33 chinesisch bedruckten Seiten seines Rechenschaftsberichtes, die ins Deutsche übersetzt 43 Seiten ergeben. Folgende Redner des Tages fassen sich kaum kürzer. Der Parlamentspräsident bringt es auf 23 Seiten.
Solche Vorlesemarathons machen selbst die politisch Wachsten unter den Funktionären des Volkes müde. Spätestens nach einer Stunde gähnt der erste heimlich. Das steckt an. Andere heben ihre ins Manuskript vertieften Köpfe nicht mehr auf. Wie gut, dass wieder umgeblättert wird.
Das Geräusch schreckt wie ein sanfter Wecker die eingedösten Zeitgenossen aus ihrem Sekundenschlaf auf, zwingt sie, eine Seite weiterzublättern, um dann wieder abzuschlaffen. Das ist der Moment, wo auf der Pirsch liegende Fotografen auf ihre Auslöser drücken.
Die alljährlichen Fotos gähnender Volksvertreter sind ebenso Ritual, wie die Jahresversammlung selbst. Immer Anfang März, immer am gleichen Ort und nach gleichem Prozedere beginnen Volkskongress und sein Beraterparlament zu tagen.