Mars-Mann in der Eishöhle
Baku, den 30. April (AZERTAG). Glitzernder Raumanzug, ausgefeilte Analysegeräte. Bei einem aufwendigen Feldversuch wird in Österreich die Ausrüstung für bemannte Marsmissionen ausprobiert. Noch machen simple Dinge Probleme - doch die Tester sind überzeugt, dass Menschen zum Roten Planeten fliegen werden. Irgendwann.
Die Rufe aus dem Missionskontrollzentrum verhallen ungehört - und schuld ist schon wieder dieser verflixte Kopfhörer! Weil der schon wieder verrutscht ist, steht Astronaut Daniel Schildhammer auf seiner Erkundungsmission reichlich hilflos da. Wohin sich als nächstes wenden? Welche Probe nehmen? Wann zur Basis zurückkehren? Der 28 Jahre alte Materialwissenschaftsstudent aus Innsbruck hat ein ernsthaftes Problem: Sein bulliger Plexiglashelm verhindert, dass er die Ohrhörer wieder in Position bringen kann. Deshalb kann er keine Anweisungen empfangen. Punkt.
Ein echter Außeneinsatz auf dem Mars wäre spätestens an dieser Stelle zu Ende. Doch Schildhammer - er hat mit einer Körpergröße von 178 Zentimetern und Schuhgröße 43 die perfekten Raumanzug-Maße - ist kein echter Astronaut. Also darf er sich ausnahmsweise helfen lassen. Denn statt über den Roten Planeten schlurft er gerade durch eine Höhle im Salzkammergut. Zwei Assistenten können gefahrlos seinen Kopfschutz abnehmen und das Malheur beheben.
„Für jedes Problem, das wir hier haben, müssen wir dankbar sein", sagt Gernot Grömer. „Denn wir haben es hier - und nicht auf dem Mars.“ In der Dachstein-Rieseneishöhle testet das Österreichische Weltraum Forum (ÖWF) gerade die Ausrüstung für eine mögliche bemannte Marsmission. Und Grömer, normalerweise Astrophysiker an der Universität Innsbruck, leitet das Projekt des eingetragenen Vereins ÖWF, der Astroprofis und -Enthusiasten zusammenbringt.
Ein Dutzend Experimente finden gleichzeitig in der Höhle statt. So zuckelt gerade der in Polen entwickelte Marsrover „Magma“ über eine Eisfläche. An Bord hat er das Radarsystem „Wisdom“, das auf der nächsten europäischen Marsmission das Gestein bis zu drei Meter tief durchleuchten soll. „Hier im Eis können wir sogar zehn Meter tief schauen“, sagt Projektmitarbeiter Stephen Clifford vom Lunar and Planetary Institute im texanischen Houston.
Doch das spektakulärste Versuchsobjekt ist ohne Zweifel „Aouda.X“. Proband Schildhammer tappt in dem Raumanzug-Simulator gerade durch eine riesige, mit Felsbrocken übersäte Halle. Der 45 Kilogramm schwere, silbern glänzende Anzug, ein Unikat übrigens, verdankt seinen Namen einer Romanfigur von Jules Verne: Im Klassiker „In 80 Tagen um die Welt“ verdreht die indische Prinzessin Aouda dem Titelhelden Phileas Fogg den Kopf.
Von der schnellen Fortbewegung des Romanhelden ist Schildhammer freilich weit entfernt: Gummi-Expander in jedem Gelenk des Anzugs machen jeglichen Handgriff zur mühseligen Plackerei: „Das ist schon sehr belastend und erschöpfend, wenn man es längere Zeit macht“, sagt der Anzugtester. So wie es eben auch in einem wuchtigen Anzug auf dem Mars der Fall wäre, trotz der geringeren Gravitation. Immerhin: Schildhammer kann sich mit Mineralwasser stärken, das im Helm über einen spezielles Mundstück ankommt. Und unten herum sorgt ein sogenanntes Uridom dafür, dass er sich später um den weiteren Verbleib der Erfrischung keine Sorgen machen muss.