Forscher enttarnen das Gen der Genies
Baku, den 10. Dezember (AZERTAG). Genie und Wahnsinn liegen näher beieinander als gedacht: Forscher haben ein Gen entdeckt, das gleichermaßen für Kreativität und für Verrücktsein verantwortlich zu sein scheint. Positiver Nebeneffekt: Der Erbfaktor macht seinen Menschen sexy.
Große Männer sind wie Explosivstoffe in Zeiten, in denen lange nichts explodiert. Der zufälligste Reiz genügt, damit sich ihr Genie entlädt - schreibt Friedrich Nietzsche in der „Götzen-Dämmerung“. Genies, Künstler und Erfinder sind von Geheimnissen umweht und von Legenden umrankt. Ihr Leben besitzt für die Normalen Faszinationskraft und Aura. Nicht selten zahlen sie aber mit einer Nähe zum Verrücktsein. Das Leben des Mathematikers John Forbes Nash zeigt den Balanceakt zwischen Genie und Wahnsinn, er bekam den Wirtschaftsnobelpreis für die Erweiterung der Spieltheorie, doch verbrachte er Jahre mit paranoider Schizophrenie in der Psychiatrie.
Das Genialische, die herausragende Begabung hat scheinbar eine Schattenseite: Das Versinken in die Nacht des Wahnsinns, in die Gedankenfluten der Schizophrenie. Der Dichter Wilhelm Heinrich Wackenroder beschrieb ein Genie, das beim Schöpfen außer sich gerät, und versuchte, seine Reizoffenheit in Worte zu fassen. Auch Platon sah die Gefährdung und nannte es den göttlichen Wahnsinn des Genies.
Entdeckung des Genie-Gens-Auch die Genetik legt einen wissenschaftlichen Zusammenhang zwischen schöpferischer Kreativität und Krankheiten wie Schizophrenie und Psychosen nahe. Nach vielen Enttäuschungen präsentierte 2002 ein isländisches Forschungsteam um den ehemaligen Harvard-Neuropathologen Kári Stefánsson seine Ergebnisse zu einem Gen, das, so vermuteten die Forscher, in einem ursächlichen Zusammenhang zur Schizophrenie stehen müsse. Neuregulin 1 (NRG1) nennt es sich, es verfügt über Signalübertragungsfunktionen zwischen Zellen und ist für ihre Interaktion verantwortlich.
Störungen der NRG1-Signalübertragung wurden von den Forschern fortan mit Schizophrenie in Verbindung gebracht, zumindest mit Aufmerksamkeitsstörungen. Die eigentliche Entdeckung folgte sieben Jahre später. Eine Studie der renommierten Semmelweis-Universität in Budapest zeigte in der Fachzeitschrift „Psychological Science“. Nicht nur für ein höheres Schizophrenierisiko sollte die Genvariante von Neuregulin 1 stehen, sondern auch für Kreativität.
Schriftsteller, Dichter, Musiker, Maler, Erfinder - alle Träger einer Genvariante? Die Rede vom schmalen Grat zwischen Genie und Wahnsinn schien ein Fundament zu bekommen. Untersuchungen des Wissenschaftlers Szabolcs Kéri begründeten den Verdacht, dass Neuregulin 1 die Verarbeitung von Informationen im Gehirn hemmt, aber auch frei für Ideen macht. Kéri hatte herausgefunden, dass es zwei Varianten des Gens gibt, die unterschiedliche Ausprägung sei entscheidend.
Bei der Hälfte der Europäer entdeckte der Neuropathologe eine Kopie des Gens, bei ungefähr 15 Prozent waren es zwei. Diese Menschen waren nicht nur anfälliger für Schizophrenie, sondern auch kreativer. Man fragte sie: Stellen Sie sich vor, von den Wolken würden Fäden bis zur Erde herabhängen. Was würde geschehen? Die Träger der beiden Gene beeindruckten mit deutlich originelleren und komplexeren Ideen.
Anstelle von erwartbaren Antworten wie „Ich würde hochklettern und die Fäden dafür nutzen“ oder „Ich würde das Wetter ändern“ gingen die Antworten der Testpersonen mit der Genvariante in eine andere Richtung. „Ich würde eine Decke stricken, um die Erde zu bedecken und zu schützen“, sagte einer. Ein anderer: „Ich würde spezielles und frisches Wasser in eine Wolke injizieren, wenn die Wolken verschwänden, kämen die Leute durch die Fäden immer noch dran.“