Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Normlettern auf Pergament

Baku, den 29. Dezember (AZERTAG). Eine leicht lesbare, in ganz Europa einheitliche Buchschrift - das war die karolingische Minuskel. Noch die heutigen Druckschriften sind ihre Nachfahren.

Was macht eine Aufzeichnung zukunftssicher? Wodurch bleibt geschriebenes Wissen rasch zu erfassen und dauerhaft erreichbar? Italienische Humanisten des 15. Jahrhunderts hatten darauf eine simple, überzeugende Antwort: gute Lesbarkeit. Wenn sie für sich selbst und ihresgleichen wertvolle Werke des Altertums kopierten, taten sie es nicht im verschnörkelten Stil der ausgehenden Gotik, sondern verwendeten die „lettera antiqua“, jene wunderbar klare, durch Ober- und Unterlängen besonders einfach zu lesende Schrift, die man in der Mehrzahl alter Manuskripte fand.

Bis heute wird die überwiegende Masse aller Bücher mit lateinischem Alphabet in Antiqua-Type gedruckt (wie auch dieser Text) - und bewahrt damit eine Tradition, die von den sonst so kundigen Humanisten gewissermaßen aus Versehen begründet wurde. Denn was sie zum Vorbild ihres neuen Schreibstils erklärt hatten und seit 1465 auch als Drucktypen nutzten, waren keine antiken Lettern, sondern frühmittelalterliche. Die noch heute ohne große Mühe lesbaren Codices verwendeten die karolingische Minuskel.

Diese Buchstabenform war die wohl nachhaltigste Erfindung der Karolinger-Zeit, und sie beruhte nicht auf einer Anordnung des Herrschers. Ohne seine weitblickende Kulturpolitik jedoch hätte der neue Schreibstil kaum so ungeheuren Erfolg gehabt. Denn auch die karolingische Minuskel spiegelt ein Reich im Zusammenwachsen, das auf geistige Deutlichkeit und pädagogische Prägnanz angewiesen war.

Begonnen hatte alles mit Iren und Angelsachsen. Missionare wie Columban oder später Bonifatius brachten aus ihrer Heimat eine eindrucksvoll ornamentale Schreibart mit, die sich dort seit der ausgehenden Römerzeit entwickelt hatte. Bald machte dieser Stil in den Schreibstuben von St. Gallen, Tours und anderswo Schule.

Möglichst viele Buchstaben auf das kostbare Pergament quetschen-Noch aber pflegte jedes Skriptorium seine eigenen Buchstabenformen; von Nordspanien bis an die Elbe, von Irland bis Italien gab es große Unterschiede. Die Figur „cc“ als kleines A zu entziffern oder das R und das S zu unterscheiden, die beide aus einem senkrechten Strich mit oberer Krümmung nach rechts bestanden, erforderte Übung und Geduld. Eine Fülle von Buchstabenverbindungen, sogenannte Ligaturen, sparten zwar Platz, ließen aber den Lesefluss der weniger Kundigen stocken. Besonders verhäkelt wirkten die Urkunden der merowingischen Könige, auch weil deren Schreiber bemüht waren, möglichst viele Buchstaben auf das kostbare Pergament zu quetschen.

Wie es zum Wandel kam, haben Experten bis heute nicht genau rekonstruieren können. So gut wie sicher ist, dass im Reformerkreis um Karl den Großen die Überzeugung wuchs, wichtige Dokumente müssten in „einer von der Kursive freien Buchschrift“ (so der Spezialist Bernhard Bischoff) festgehalten werden. Verständlicherweise gingen die Entwickler der neuen Minuskel von insularen, also britannisch-irischen Vorlagen aus.

Besonders der gelehrte Alkuin in seinem Hauskloster Tours und seine Schüler ringsum ließen so eifrig Texte abschreiben, dass die neue Schreibart rasch zum Standard aufrückte. Natürlich hielten sich anfangs Sonderformen; in Fulda etwa blieb die angelsächsische Art, Schreibfedern zu schneiden, noch lange üblich. Doch insgesamt wurde, was neu entstand, einander immer ähnlicher. Weniger Ligaturen und klar unterscheidbare Letternformen machten viele der Codices zu Monumenten von schlichter Eleganz.

„Sie sollen sich um die Herstellung fehlerfreier Bücher bemühen und ihre eilende Feder auf den rechten Weg führen“, hatte Alkuin seiner klerikalen Kopistenschar eingeschärft. Das war mehr als ein väterlicher Rat, denn Bücher gab es nicht als Dutzendware.

 

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