Chinas Banken schlagen Cash-Alarm
Baku, den 22. Juni (AZERTAG). In Chinas Banken wird das Geld knapp. Grund sind die vorsichtigen Versuche von Zentralbankchef Zhou Xiaochuan, die Luft aus dem aufgeblähten Finanzsektor zu lassen. Wenn er scheitert, droht der Wirtschaftsgroßmacht ein Lehman-Moment.
Streng genommen dürfte Chinas Zentralbankchef gar nicht mehr im Amt sein. Am 29. Januar ist Zhou Xiaochuan 65 Jahre alt geworden, laut Statuten der People's Bank of China müsste er damit pensioniert werden. Doch sein Staatspräsident und sein Premier lassen das nicht zu. Sie haben Zhou kurzerhand zum „Nationalen Führer“ erhoben und so die Altersgrenze außer Kraft gesetzt. Weil sie ihren obersten Notenbanker gerade dringender brauchen denn je. Nur ihm trauen sie zu, den ganz großen Knall zu verhindern.
Zhou muss die Luft rauslassen aus dem aufgeblähten Banken- und Immobiliensektor. Und das ist eine heikle Aufgabe. Denn einerseits muss er das rasante Kreditwachstum eindämmen, das China selbst in Zeiten der Weltwirtschaftskrise märchenhafte Wachstumsraten beschert hat - nun aber zum Problem wird. Will heißen: Die Zentralbank soll weniger Geld als bisher und zu strengeren Konditionen verleihen.
Andererseits muss Zhou aber auch darauf achten, dass Chinas riesige Geschäftsbanken weiterhin an Liquidität kommen, um ihre Schulden bedienen zu können. Denn würde ein führendes Institut wie etwa die staatliche Bank of China kollabieren, wäre das für die Volksrepublik kein geringerer Schock als die Lehman-Pleite für die USA. Und die Folgen wären ähnlich unabsehbar. Denn Chinas Banken zählen mittlerweile zu den größten der Welt.
Sie waren die Profiteure eines nie enden wollenden Wirtschaftsbooms - der immer mehr über Darlehen finanziert wurde. Mal brauchte die öffentliche Hand Geld für Straßen, Brücken oder Kraftwerke, mal brauchten Familien Hypotheken für eine neue Wohnung in einer der riesigen Hochhaussiedlungen am Stadtrand Pekings oder Shanghais. Und die Banken gaben bereitwillig. Zu bereitwillig.
Helle Aufregung am chinesischen Interbankenmarkt - Seit 2008 schoss das Verhältnis von Darlehen zum Bruttosozialprodukt von 120 auf beinahe 200 Prozent hoch, im bisherigen Jahresverlauf wuchs das Kreditvolumen schon wieder um mehr als 20 Prozent. Und die Immobilienpreise sind ähnlich schnell gestiegen. Seit Jahren warnen Kritiker wie Michael Pettis, Finanzprofessor an der Peking University, vor Blasenbildungen ähnlich wie in den USA, vor einem Kollaps des Systems. Jetzt bekommen es auch die Institute selbst mit der Angst zu tun. Denn neuerdings leihen sie einander nicht mehr gerne Geld.
Am chinesischen Interbankenmarkt regiert die Nervosität. Für Sieben-Tages-Kredite zwischen Banken, die normalerweise um die vier Prozent Zinsen kosten, verlangten die Kreditinstitute gestern zeitweilig mehr als zehn Prozent für ihr erhöhtes Risiko.
Die zehn Prozent drücken zum einen die Angst aus, dass die jeweils andere Bank innerhalb der nächsten Tage pleitegehen könnte. Westliche Bankenvertreter in China weisen allerdings auch darauf hin, dass viele chinesische Unternehmer im Juni ihre Steuern zahlen müssen, was alljährlich den Cash-Bedarf und damit die Zinsen für kurzfristige Kredite ansteigen lasse.
Am Freitagmorgen chinesischer Zeit dann sanken die Interbankenzinsen nach Gerüchten, die Zentralbank habe einigen Großbanken Geldspritzen gegeben, von 10,7 Prozent auf 8,5 Prozent. Etwas Entspannung kehrte ein. Dann aber berichtete eine Wirtschaftszeitung, die große Geschäftsbank Bank of China habe ihre Zahlungen um eine halbe Stunde hinausschieben müssen, weil ihr das Geld ausgegangen sei. Obwohl das Institut sofort dementierte, schnellten die Zinsen darauf wieder hoch. Marktteilnehmer berichteten, der Interbankenhandel sei „eingefroren“. Wie 2008 nach der Lehman-Pleite in den USA.