Forscher entschlüsseln Erbgut unserer Vorfahren
Baku, den 31. August (AZERTAG). Wie wurde der Mensch, was er ist? Aufschluss gibt das Erbgut des Denisova-Urmenschen, gewonnen aus dem Fingerknochen eines Kindes, 50.000 Jahre alt. Jetzt können Wissenschaftler eine Liste präsentieren, die das Geheimnis der Spezies Homo sapiens enthält. Endlich geschafft! Seit mehr als 20 Jahren gilt alles wissenschaftliche Streben von Svante Pääbo diesem einen Ziel. Und nun hält er sie endlich in Händen: eine Liste, die das Geheimnis der Spezies Homo sapiens enthält.
Gewiss, noch mutet diese Liste ziemlich kryptisch an. Im wesentlichen besteht sie aus einer Aneinanderreihung von etwas mehr als 120 000 Kürzeln wie NOVA1, SLITRK1 oder ARHGAP32. Und über die meisten dieser Kürzel ist tatsächlich nicht viel mehr bekannt als ihr zumeist nichtssagender Name. Trotzdem ist Pääbo überzeugt: „Diese Liste enthält das, was uns zu dem macht, was wir sind.“
Ein ganzes Forscherleben lang hat sich der Paläogenetiker Pääbo an dieses Ziel herangepirscht. Immer weiter hat er sich mit den Mitteln der Genanalyse in die Vorgeschichte des Menschen vorgetastet. Mit immer raffinierteren Methoden ist es ihm gelungen, dem Erbgut der Menschenahnen ihre Geheimnisse zu entlocken. Ein ganzes Max-Planck-Institut hat er in Leipzig aus der Taufe gehoben, um das große Menschheitsrätsel knacken zu können. Und nun also ist sie da, diese Liste.
Letztlich war es ein glücklicher Zufall, der den Durchbruch möglich machte. Denn wer hätte ahnen sollen, dass das kirschkerngroße Knöchelchen, das Pääbos Mitarbeiter Johannes Krause vor gut zwei Jahren aus Sibirien mit nach Leipzig brachte, eine solche Sensation enthalten könnte? Und doch entpuppte sich dieses unscheinbare Fossil als einer jener Funde, die Wissenschaftsgeschichte schreiben: Fast unversehrt durch Bakterien fand sich rund 50.000 Jahre altes Erbgut darin. Und in diesem, so zeigte sich kurz darauf, war ein ganzes Kapitel der Menschwerdungsgeschichte versteckt.
Die Gen-Analyse offenbarte nämlich, dass es sich um das Fingerknöchelchen eines Mädchens handelte. Und dieses Mädchen gehörte zu einem Typ Mensch, der den Forschern bis dahin völlig unbekannt war. „Denisovaner“ tauften die Forscher diesen Stamm.
Das Völkchen dieser Denisovaner, all das verriet der Erbgut des Mädchens, hatte sich offenbar dereinst irgendwo in Vorderasien von seinen Verwandten, den Neandertalern, getrennt, und war dann ostwärts gen Sibirien gewandert. Ja, sogar noch mehr ließ sich aus diesem einen Erbgut schließen. Ein Stoßtrupp der Denisovaner musste vor etwa 30.000 Jahren bis nach Ostasien vorgedrungen sein. Dort stießen sie auf Menschen modernen Typs und vermischten sich mit diesen. Bis heute lassen sich die Spuren dieser Vermischung im Erbgut der Pazifikvölker nachweisen.