Studie: Lebenserwartung des Menschen steigt langsamer
Baku, 9. Oktober, AZERTAC
Medizintechnik und Genforschung machen große Fortschritte, viele Menschen sind länger fit oder werden gar 100 Jahre alt – doch insgesamt führt das laut einer Studie nicht zu einem deutlichen Anstieg der Lebenserwartung.
„Wir müssen erkennen, dass es eine Grenze gibt“, sagt S. Jay Olshansky, Professor an der University of Illinois-Chicago und Hauptautor einer in der Fachzeitschrift „Nature Aging“ veröffentlichten Studie. Ihr zufolge hat sich das Tempo der Verbesserungen bei der Lebenserwartung seit 1990 verringert. „Sofern sich der biologische Alterungsprozess nicht deutlich verlangsamen lässt, ist es unwahrscheinlich, dass sich das menschliche Leben in diesem Jahrhundert radikal verlängert“, schreiben die Autoren.
Die Lebenserwartung ist eine der weltweit wichtigsten Messgrößen für die Gesundheit. Vor Mitte des 19. Jahrhunderts lag sie für Menschen der Studie zufolge nur zwischen 20 und 50 Jahren. Durch Fortschritte im Gesundheitswesen und in der Medizin habe im 20. Jahrhundert dann, wie die Autoren schreiben, eine „radikale Lebensverlängerung“ eingesetzt: Jedes Jahrzehnt habe sich die Lebenserwartung der Menschheit um drei Jahre verlängert.
Schon länger diskutieren Forschende, um wie viel mehr sich das menschliche Leben noch verlängern lässt. 1990 stellten Olshansky und Kollegen die These auf, dass bei etwa 85 Jahren eine Obergrenze erreicht sei. Andere argumentieren, dass dies die laufenden Fortschritte in der Medizin nicht berücksichtige und dass heute Neugeborene um die 100 Jahre leben könnten, wie AZERTAC unter Berufung auf Spiegel berichtete.
Um den Fortschritt in der jüngeren Vergangenheit zu untersuchen, analysierte das Team um Olshansky in dieser Studie die geschätzten Lebenserwartungen zwischen 1990 und 2019, und zwar in acht Ländern, in denen die Menschen am längsten leben: Australien, Frankreich, Hongkong, Italien, Japan, Südkorea, Spanien und die Schweiz. Zusätzlich wurden die USA betrachtet, die bei der Lebenserwartung aber nur zu den Top 40 gehören. Die Daten stammen aus der Human Mortality Database, einem Datensatz, der vom Max-Planck-Institut für demografische Forschung verwaltet wird.
Auch künftig werden wohl nur wenige 100 Jahre alt - Die Forscher stellten fest, dass sich die Lebenserwartung weiterhin verbessert – allerdings in langsamerem Tempo als zuvor. In den Neunzigern stieg die durchschnittliche Lebenserwartung demnach etwa 2,5 Jahre pro Jahrzehnt und damit weniger als die drei Jahre pro Jahrzehnt, die die Autoren als die früher übliche »radikale Lebensverlängerung« definieren. In den Zehnerjahren waren es nur noch 1,5 Jahre – in den USA sank die Lebenserwartung über die gesamte 2010er-Dekade gesehen sogar. Dort schlugen sich demnach verschiedene Probleme, von der Drogenkrise über eine verbreitete Fettleibigkeit bis zur Waffengewalt, nieder; 2020 verstärkte die Coronapandemie diesen Trend noch.
Die Studie deutet laut Olshansky darauf hin, dass es eine Grenze für die Lebenserwartung der meisten Menschen gebe, und wir diese so gut wie erreicht hätten. “Wir quetschen immer weniger Leben aus diesen lebensverlängernden Technologien heraus“, sagte er der Nachrichtenagentur AP. Andere, an der Studie nicht beteiligte Expertinnen und Experten, etwa Eileen Crimmins von der University of Southern California oder Mark Hayward von der University of Texas, erklärten gegenüber AP, dass sie den Ergebnissen zustimmten.
Auch der Anteil der Menschen, der das Alter von 100 Jahren erreiche, bleibt laut der Studie überschaubar. In den meisten Ländern würden wahrscheinlich weniger als 15 Prozent der Frauen und fünf Prozent der Männer so alt werden, sagte Olshansky. Nichtsdestotrotz bleibe die Aussagekraft der Studie in Bezug auf die Zukunft begrenzt, schreiben die Autoren.