Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

224 Punkte standen bei der Uno-Klimakonferenz auf der Agenda

Baku, 12. Juni, AZERTAC

224 Punkte standen bei der Uno-Klimakonferenz in Bonn auf der Agenda. In genau einem konnte man sich einigen. Umweltschützer sind trotzdem mit den Verhandlungen zufrieden - zu Recht.

Alle anderen hätten Barcelona geschaut im Fernsehen, das Champions-League-Finale, sagte Ahmed Djoghalf, der Chef der Uno-Klimaverhandlungen, den verdutzten Journalisten. „Aber wir haben hier bis nachts verhandelt.“ Seine Stimme klang flehend: „Bitte helfen Sie uns“, beschwor er die Medienleute, „es geht hier um eine Revolution.“

Die Journalisten haben die Lage aber offenbar nicht erkannt. „Um ehrlich zu sein“, Djoghalfs Stimme klang nun härter, „wir sind bisher etwas enttäuscht von der Berichterstattung über unsere Konferenz.“ Statt Würdigungen hätten die Delegierten Schmähungen lesen müssen. Die Klimaverhandlungen würden stocken, hatten Medien geschrieben.

Stocken ist eine höfliche Beschreibung. Ziel der zweiwöchigen Uno-Konferenz im früheren Deutschen Bundestag in Bonn war es, den Text für einen Weltklimavertrag vorzubereiten, der in genau sechs Monaten in Paris geschlossen werden soll.

Die 90-seitige Vorlage muss auf etwa ein Zehntel schrumpfen. Bislang enthält der Entwurf Wünsche aller Staaten, die sich in 223 Fällen widersprechen; vor der Konferenz waren es 224 Widersprüche. In Bonn wurde ein einziger beseitigt, der Text hat noch immer 85 Seiten.

Es bleiben noch elf Verhandlungstage - Indien, Kanada, Japan und Saudi-Arabien sollen sich am häufigsten quergestellt haben. Russland sei gar der vollständige Ausstieg aus dem Vertrag zuzutrauen, munkeln Teilnehmer.

Immerhin einen Erfolg gab es: Nach zehnjährigen Verhandlungen konnte sich die REDD-Gruppe zum Waldschutz (Reducing Emissions from Deforestation and Forest Degradation) einigen: Jetzt gibt es Regeln, wie Wälder und Aufforstung die CO2-Bilanzen verbessern können.

Bis Paris bleiben nur noch elf offizielle Verhandlungstage, an denen die Delegierten in den kommenden Monaten zusammenkommen. Danach ausstehende Widersprüche müssten in Paris gelöst werden - das Schreckensszenario würde wahr: Die letzte entscheidende Uno-Klimakonferenz 2009 in Kopenhagen scheiterte an der schieren Verhandlungsmasse. Kopenhagen sollte eine Lehre sein, hatten sich die Delegierten geschworen.

Jetzt wird der Text Chefsache. Die Staatengemeinschaft hat Djoghalf und seinen Co-Vorsitzenden Daniel Riefsnyder beauftragt, den Vertragsentwurf bis Ende Juli umzuschreiben. Im August wollen die Delegierten prüfen, ob die Chefs geeignete Kompromisse ausgetüftelt haben, und ob sie mit der Chefversion weiterarbeiten. Delegierte haben wenig Hoffnung: Erst wenn die entscheidungsbefugten Minister einschritten, seien Einigungen möglich, meinen viele.

„Die meinen es ernst“ - Tatsächlich übernehmen nun Regierungen im Hintergrund die Klimaverhandlungen. Delegationen der Chinesen und der USA etwa waren kürzlich in Berlin. Auch in anderen Hauptstädten suchen Regierungsvertreter Kompromisse für den Weltklimavertrag. Frankreich hat im Juli ganz offiziell zum großen Ministertreffen nach Paris geladen.

Indizien, dass im Dezember tatsächlich ein Klimavertrag zustande kommen könnte, liefern erstaunlicherweise China und die USA. „Beide meinen es anscheinend ernst“, sagt Martin Kaiser von Greenpeace, ein erfahrener Beobachter der Verhandlungen. Chinas Kampf gegen die Luftverschmutzung in seinen Großstädten und Obamas Streben nach einem Vermächtnis sorgen für konkrete Schritte, Abgasemissionen einzudämmen.

Die USA haben ihre Klimaziele für den Paris-Vertrag bereits eingereicht, China will Gerüchten zufolge noch im Juni nachziehen. Die in Rede stehenden Vorhaben beider Großmächte zur Minderung der Treibhausgasemissionen reichen nach Meinung von Wissenschaftlern zwar nicht, die Klimaerwärmung genügend zu bremsen. „Entscheidend aber ist, dass wir die Wende zur abgasarmen Weltwirtschaft eingeleitet haben“, sagt Christiana Figueres, Generalsekretärin des Uno-Klimasekretariats.

Heimliche Erfolge - Tatsächlich mehren sich die Zeichen, dass sich die Energiewende von den Uno-Klimaverhandlungen abkoppelt - weshalb Umweltschützer trotz des enttäuschenden Bonner Ergebnisses jubilieren. Stolz präsentierte die Uno in Bonn eine Studie, die zeigte, dass bald zwei Milliarden Tonnen CO2 allein deshalb eingespart werden, weil Städte in Eigenregie Klimaschutzprojekte gestartet haben. Der weltweite Ausstoß betrug 2014 insgesamt 35 Milliarden Tonnen.

Außerdem steigen immer mehr Banken, Versicherungen und Fonds aus der Investition in Kohleförderung aus. Ökonomen haben gar eine Kohlenstoffblase identifiziert: Der Trend zu erneuerbaren Energien drohe fest verbuchte Erdöl- und Kohlereserven zu entwerten, ein Vielfaches der Wirtschaftsleistung Deutschlands stehe auf dem Spiel. Das Risiko erhöhe wiederum die Attraktivität alternativer Energien.

Schließlich suche mittlerweile jedes Land nach Möglichkeiten, CO2 einzusparen, sagt Greenpeace-Experte Kaiser. Alle Staaten haben der Uno versprochen, Abgasziele einzureichen; 39 haben es bereits getan. Die Länder der Europäischen Union meldeten ein gemeinsames Ziel. „Klimaschutz ist neuerdings weltweit Innenpolitik, das ist ein Erfolg“, meint Kaiser.

Und dafür haben die Uno-Delegierten gesorgt, mit ihren mühsamen Verhandlungen, die kaum vorankommen.

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