Astronomen entdecken Hunderte rasende Sonnen
Baku, den 22. Mai (AZERTAG).Können Sterne aus der Milchstraße fliegen? Bisher gibt es nur eine Handvoll Himmelskörper, die schnell genug wären, dem gewaltigen Schwerefeld unserer Galaxie zu entkommen. Jetzt aber wollen Astronomen fast 700 solcher Super-Raser auf einen Schlag entdeckt haben.
Könnte man einen Blick von außen auf die Milchstraße werfen, so bekäme man eine gewaltige Spirale zu Gesicht. Hunderttausend Lichtjahre im Durchmesser misst ihre Scheibe, in ihren Spiralarmen strahlen Sterne und glühen Gasnebel. Der leuchtende Wirbel ist die Heimat von Millionen Sternen, Sonne und Erde ziehen hier seit Äonen ihre Bahnen. Doch unter all den Angepassten schwirren auch stellare Außenseiter herum. Sie sind auf der Flucht aus der galaktischen Ordnung. Ein US-Forscherteam ist nun möglicherweise einer ganzen Sippschaft von Flüchtlingen auf die Spur gekommen.
Lange war es den Astronomen rätselhaft, ob Himmelskörper tatsächlich aus der Milchstraße entkommen können. Zu gewaltig schien die Schwerkraft der Galaxie. Waren solche Objekte deshalb womöglich nur theoretische Konstrukte? Im Jahr 2005 meldeten die Astronomen jedoch das erste Exemplar. Der in der Konstellation Hydra verriet sich durch sein irrwitziges Tempo. Mit 709 Kilometern pro Sekunde jagte er durch eine abgelegene Region der Milchstraße. Das Mindesttempo, um das Schwerefeld der Milchstraße zu verlassen, wird auf 500 bis 600 Kilometer pro Sekunde taxiert. Für die Raser, die diesen Wert überschreiten, wurde ein neuer Begriff geprägt: Hyperschnellläufer.
Die Hyperschnellläufer sind selten, sieben Jahre nach der spektakulären Entdeckung umfasst ihre Liste nur 16 gesicherte Mitglieder. Klar ist, dass es noch mehr geben muss. In einem Beitrag, der in der Juni-Ausgabe des „Astronomical Journal“ erscheint, melden US-Forscher jetzt eine große Gruppe neuer Kandidaten: 677 Exemplare drängen um Aufnahme in den elitären Club. Nach Angaben des Teams um Lauren Palladino von der Vanderbilt University in Nashville (US-Bundesstaat Tennessee) haben sich die Anwärter bereits beachtlich von der Milchstraße entfernt: Sie fliegen durch das Niemandsland zwischen Milchstraße und Andromeda-Nebel.
„Diese Sterne sind wirklich etwas Besonderes“, erklärt Kelly Holley-Bockelmann, ein Mitglied des Forscherteams. „Sie sind Rote Riesensterne mit einer hohen Metallizität, dadurch haben sie eine ungewöhnliche Farbe.“ Als Metallizität bezeichnen Astronomen den Gehalt eines Sterns an chemischen Elementen, die schwerer als Wasserstoff und Helium sind. Hohe Metallizitätswerte verweisen auf das Zentrum der Milchstraße, denn dort befinden sich bevorzugt Sterne mit einer solchen chemischen Signatur. Alte Sterne und Exemplare aus den Randbereichen der Milchstraße weisen dagegen meist besonders niedrige Werte auf.
Stammen die Hyperschnellläufer-Kandidaten also sogar aus dem Zentrum der Milchstraße? Seit längerem ist bekannt, dass dort ein riesiges Schwarzes Loch existiert, welches im Verdacht steht, sein Unwesen als Sternenkatapult zu treiben. Es besitzt die unvorstellbare Masse von vier Millionen Sonnen, und Computersimulationen zeigen: Ein Doppelstern, der sich diesem Monstrum näherte, würde von dem enormen Schwerefeld auseinandergerissen.
Einer der Partner müsste sich fortan in eine elliptische Umlaufbahn um das Loch fügen, der andere würde ins All katapultiert. Solch ein Rauswurf kann einen Stern demnach auf bis zu 4000 Kilometer pro Sekunde beschleunigen. Auch andere Szenarien, etwa die Verschmelzung der Milchstraße mit einer Satelliten-Galaxie, werden ins Spiel gebracht, um das enorme Tempo mancher Raser-Sterne zu erklären. Bislang haben Palladino und ihre Kollegen keine eigene Tempomessung ihrer Kandidaten vorgenommen, die Forscher schließen die Herkunft der Sterne aus deren roter Farbe sowie deren Lage am Himmel.