Das Rätsel der Fünf
Baku, den 19. Mai (AZERTAG). Die Hand des Menschen gilt als Meisterstück der Natur, Biologen haben dieses einmalige Vielzweckwerkzeug intensiv erforscht. Doch eine Frage haben die Wissenschaftler bis heute nicht beantwortet: Warum blieben bei der Evolution ausgerechnet fünf Finger übrig?
Es begann, als wir mit unseren Händen Feuer machten. Und Speere. Wir schreiben und graben damit, steuern Autos und Flugzeuge, wir operieren Tumore heraus und zaubern Kaninchen aus einem Hut. Unser Gehirn mit seiner unendlichen Kreativität mag unsere Art einzigartig machen. Aber ohne Hände würden alle Ideen zu nichts führen.
Dieses Vielzweckwerkzeug ist das Ergebnis eines komplizierten Zusammenspiels von Nerven und Muskeln, Knochen und Bändern. Neun verschiedene Muskeln bewegen allein den Daumen. Einige dieser Muskeln enden an Knochen innerhalb der Hand, andere reichen bis in den Arm. Die Beweglichkeit des Handgelenks ist Traum und Alptraum jedes Ingenieurs, der menschenähnliche Roboter bauen will. Mit winzigstem Kraftaufwand setzt die Hand des Uhrmachers mikroskopisch kleine Federn an ihren Platz. Am Ende des Arms und bei richtigem Einsatz des Handgelenks kann die Hand aber auch einen Wurfball auf ein Tempo von rund 160 Kilometer pro Stunde beschleunigen.
Der schottische Chirurg Sir Charles Bell widmete diesem Körperteil im Jahr 1833 ein ganzes Buch: „Die menschliche Hand und ihre Eigenschaften“. Zu jener Zeit begann die Idee der Evolution Kreise zu ziehen, aber Bell dachte, eine nähere Betrachtung der Hand werde das dumme Geschwätz wohl beenden. „Die menschliche Hand“, schrieb er, „ist der letzte und beste Beweis für die göttliche Schöpfung.“
Zu dumm nur, dass seine Argumentation nicht erklären konnte, warum auch andere Arten Hände haben. Bei den fünf Fingern des Orang Utans würde wohl niemand widersprechen. Aber auch die Hände der Fledermaus sind genau so gebaut: Fünf Finger münden in ein bewegliches Handgelenk; zusammen mit den gleichen Armknochen, wie sie der Mensch hat, spannen sie eine Flughaut auf.
Als Charles Darwin sein berühmtes Werk „Von der Entstehung der Arten“ schrieb, stellte er diese auffällige Übereinstimmung besonders heraus. „Was könnte seltsamer anmuten“, fragte er, „als dass die Greifhand eines Menschen, die Grabschaufel eines Maulwurfs, das Rennbein eines Pferdes, die Flosse eines Delfins und der Flügel einer Fledermaus alle nach dem gleichen Muster gebaut sind?“
Für Darwin lag die Erklärung sozusagen auf der Hand: Wir sind mit Fledermäusen und allen Tieren verwandt, die Hände haben. Und wir alle haben sie von einem gemeinsamen Ahnen geerbt.
Um diese Entwicklung zu verstehen, haben Forscher Fossilien ausgegraben und die Anatomie der Hände von heute lebenden Tieren verglichen. Sie haben die Gene untersucht, die den Bau der Hände steuern. Alles, was sie herausfanden, stützt Darwins Theorie.