Die Aserbaidschanische Staatliche Nachrichtenagentur

Indien braucht Hilfe, um zu helfen

Baku, 12. Juni, AZERTAC

Selbst China zieht inzwischen mit beim Klimaschutz - nur Indien blockiert weiter ein globales Abkommen. Die jüngste Rhetorik der Regierung lässt jedoch auf einen Wandel hoffen. Nun müssen die G7 finanzielle und technologische Hilfe garantieren.

Beim G7-Gipfel in Bayern beschworen die Führer der höchst entwickelten Staaten ihre Absichten, den weltweiten Klimawandel zu stoppen. Ich wette, dass sie dabei vor allem eine Frage im Hinterkopf hatten: „Was machen wir mit den Indern?“

Die Staatslenker der G7-Nationen werden wissen, dass ihre „ehrgeizigen und realistischen Absichten“ kaum etwas wert sind, wenn China und Indien - Nummer zwei und drei im weltweiten Ranking der Klimasünder - nicht mit an Bord sind. China hat sich in die richtige Richtung bewegt - doch Indien hat sich nicht gerührt. Neu-Delhi will nach wie vor keinerlei bindende Verpflichtung eingehen, die den Ausstoß von Klimagiften beschränkt.

Dabei läuft die Zeit ab. Die nächste große Uno-Konferenz zum Klimawandel im Dezember in Paris muss mit einem Klimaschutzabkommen enden, das das Kyoto-Protokoll von 1997 ablösen kann, wenn dieses 2020 ausläuft. Es ist das einzige, nahezu von allen Staaten unterschriebene Abkommen, in dem die Länder sich auf eine Obergrenze für ihren Ausstoß an Klimagiften festgelegt haben.

Sollte das Protokoll ersatzlos auslaufen, käme das einer Katastrophe gleich. Es wäre das Ende der gemeinsamen Anstrengung der Staatengemeinschaft, den Anstieg der weltweiten Temperatur auf zwei Grad zu begrenzen. Das könnte verheerende Folgen für das Leben auf unserem Planeten haben.

Indien wird in Paris deshalb unter großem Druck stehen. China, das sich früher bei Selbstverpflichtungen zum Klimaschutz gemeinsam mit Indien querlegte, hat sich mit den USA darauf geeinigt, seinen Ausstoß an Klimagiften ab 2030 nicht mehr zu steigern. Damit steht es als Musterschüler da.

Entwicklungsländer unterstützen Indiens Position - Zwar werden die beiden größten Verschmutzer, die USA und China, auch nach Erfüllung ihrer Klimaziele mehr Kohlendioxid ausstoßen als Indien. Trotzdem gehen sie als moralische Sieger aus dem jetzigen Disput hervor. Die indischen Verhandler in Paris werden es schwer haben, dem Druck standzuhalten.

Bemerkenswert ist, dass die indische Regierung seit ein paar Monaten innenpolitisch neue Töne anschlägt. Ihre Haltung zu einem Klimaabkommen mag sich zwar - noch - nicht geändert haben. Warum sollen wir die Verantwortung für die Umweltverschmutzung tragen helfen, die die Industrienationen über die vergangenen 200 Jahre angerichtet hat? Ist jetzt nicht unsere Zeit gekommen, unsere Volkswirtschaften ohne Einschränkungen weiter zu entwickeln?

Argumente der historischen Verantwortung und der wirtschaftlichen Fairness sowie die Forderung nach verbesserter, saubererer Technologie werden von Indien auf jeder Konferenz vorgebracht - mit Sicherheit auch in Paris. Ein großer Teil der Entwicklungsländer unterstützt zudem diese Position.

Und doch hat sich die Diskussion in Neu-Delhi in jüngster Zeit verändert. Im April forderte Ministerpräsident Narendra Modi auf einer Konferenz der Umweltminister der Bundesstaaten die Rückkehr zu indischen Traditionen. Er sprach davon, dass in Indien früher bei Vollmond kein Licht gemacht wurde oder wie Großmütter den Kindern beibrachten, bei Mondschein Garn einzufädeln. Modi spricht gern davon, dass alte Traditionen oft umweltschonende Lösungen in sich bergen. Nachhaltigkeit sei Teil der Volksseele, denn in Indien seien Glaube und Natur untrennbar verbunden.

Ich stimme Modi zu, dass die Genügsamkeit und religiös motivierte Liebe zur Natur vieler Inder ein Teil der Lösung sein kann - doch in welchem Ausmaß? Indien will Motor des weltweiten Wachstums sein und versucht, mit der „Make in India“-Kampagne Investoren für seine Industrie anzuwerben. Jeder Versuch, die rasante Industrialisierung Indiens klimaverträglich zu gestalten, muss im großen Maßstab stattfinden und kann nicht auf den Einzelnen abgewälzt werden.

Nun ist es nicht so, als ob Ministerpräsident Modi keine konkreten Maßnahmen zum Umweltschutz vorzuweisen hätte: In den kommenden sieben Jahren sollen auf dem Subkontinent Solarstromanlagen mit Kapazitäten von hundert Gigawatt ans Netz gehen - derzeit produziert Indien 3,8 Gigawatt Solarstrom. Kein Land weltweit hat solch ambitionierte Pläne für Solarstrom. Zusätzlich sollen 75 Gigawatt durch andere erneuerbare Energien produziert werden.

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