Der Krieg der Zukunft geht ums Wasser
Baku, den 30. Juli (AZERTAG). Die Zahl der Menschen steigt rapide an. Gleichzeitig breiten sich wegen des Klimawandels Wüsten weiter aus, Gletscher schmelzen. Darum erwarten Experten Kriege um ein bald knappes Gut: Süßwasser.
Vor 20 Jahren wurde ein israelischer Armeeplaner gefragt, ob Streit um Süßwasser ein Auslöser des Libanonkrieges 1982 gewesen sei. Er antwortete: „Warum sollte man wegen Wasser in den Krieg ziehen? Für den Preis einwöchiger Kämpfe könnte man fünf Entsalzungsanlagen bauen.“
Seit Jahrtausenden kämpfen Staaten um seltene Rohstoffe wie Gold, Öl und Diamanten. Wasser spielte dagegen als Kriegsgrund höchstens eine untergeordnete Rolle. Doch das könnte sich bald ändern. In diesem Frühjahr kam eine Studie im Auftrag des US-Außenministeriums zu dem Ergebnis, dass die Gefahr von Wasserkriegen mittelfristig deutlich zunehmen wird. Schuld an dieser Entwicklung sind vor allem zwei Faktoren: Bevölkerungswachstum und Klimawandel.
Die Vereinten Nationen schätzen, dass die Weltbevölkerung bis zum Jahr 2040 von derzeit etwa sieben Milliarden Menschen auf knapp neun Milliarden anwachsen wird. Dann würden die Süßwasservorkommen der Erde nur noch 70 Prozent des Bedarfs decken. Durch Klimawandel bedingte Gletscherschmelze und Ausbreitung von Wüsten könnten mehreren Studien zufolge zudem ausgerechnet in dicht besiedelten Regionen zu Wasserknappheit führen. Mit anderen Worten: Wasser wird ein seltener, wertvoller Rohstoff wie Gold, Öl und Diamanten - und um die werden Kriege geführt.
Gefahr vor allem im Nahen Osten-„In den vergangenen Jahren hat die Gefahr eines Wasserkrieges vor allem im Nahen Osten und in Südasien zugenommen“, sagt der Konfliktforscher Ashok Swain von der schwedischen Universität Uppsala. Israel streitet sich seit Jahrzehnten mit seinen Nachbarstaaten und den Palästinensern um das Frischwasser des Jordanbeckens. Obwohl die Verteilung des Wassers im Osloer Friedensvertrag von 1994 formell geregelt werde, bezichtigen sich beide Seiten gegenseitig, zu viel Wasser zu verbrauchen.
Doch das größte Konfliktpotenzial in der Region liegt an den Flüssen Euphrat und Tigris. Die türkische Regierung plant im Südosten des Landes den Bau von 22 Staudämmen für Bewässerung und Stromerzeugung, neun von ihnen sind bereits fertiggestellt. Der flussabwärts gelegene Irak ist darüber wenig erfreut. „Die türkischen Staudämme haben den Fluss des Euphrats und Tigris stark eingeschränkt“, sagt Swain.
„Aufgrund innenpolitischer Probleme konnte sich der Irak bislang nicht ernsthaft dagegen zur Wehr setzen. Doch sobald in Bagdad wieder stabilere Verhältnisse herrschen, rückt ein Konflikt mit der Türkei näher.“
Äthiopien bewässert mit Nilwasser-Die Situation am Nil ist ähnlich. Das chronisch dürregeplagte Äthiopien startete vor Kurzem erstmals Bewässerungsprojekte mit Nilwasser. In der Vergangenheit hatte Ägyptens ehemaliger Machthaber Husni Mubarak für diesen Fall immer mit Krieg gedroht: Jede Begrenzung des Nilflusses würde Ägypten „zur Konfrontation drängen, um unsere Rechte und unser Leben zu verteidigen“.
Solange Kairo mit innenpolitischen Problemen kämpft, braucht sich Addis Abeba keine Sorgen zu machen. Doch sobald die ägyptischen Machtkämpfe beendet sind, wird eine Eskalation des Streits wahrscheinlich. 30 Prozent der Ägypter leben von der Landwirtschaft, die ohne das Wasser des Nils unmöglich wäre.
Auch Pakistans Landwirtschaft hängt an einem einzigen Fluss: dem Indus. Daher versucht die Regierung in Islamabad mit aller Macht, den Erzfeind Indien am Bau hydroelektrischer Staudämme flussaufwärts zu hindern, bislang ohne Erfolg. Vor allem der im Bau befindliche Baglihar-Damm erhitzt die Gemüter.